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Sonntag – Day of the Battle

Sonntagmorgen. Nach einer eher durchwachsenen Nacht klingelte der Wecker noch vor sechs. „Heute zählt’s“, dachte ich. Also raus aus dem Bett, frühstücken.

Dabei Motivationsvideos. Ich mag z.B. dieses hier:

Dann Duschen, Zähneputzen und in die bereitgelegten Klamotten schlüpfen.

Um kurz nach acht war ich dann mit Kay, Uwe und Bernd aus meiner HAZ-Laufgruppe zum Warmmachen vor dem Landesmuseum verabredet. Etwas Nervosität lag in der Luft, aber wir waren uns einig, dass wir das Ding jetzt durchziehen und das beste daraus machen wollten!

Ein bisschen bewegen. Durch den Maschpark. Pinkelstopp. Und zurück. Etwas trinken. Starterbeutel abgeben.

Kurz vor neun ging es dann in den Startblock C. Die letzten Minuten vergingen nur sehr langsam. Die Läufer trippelten, wippten, klatschten – und warteten. Der Hubschrauber kreiste über uns, der Moderator stellte die Elite-Läufer vor (#GoAnna! #GoLisa!), aber es dauerte, bis es endlich losging.

Und dann: Knall! Startschuss! Die „Stampede“ setzt sich in Bewegung. Es geht los.

Who am I? – I’m a Champion!

Friedrichswall, Lavesallee, Waterloo, zweimal links, einmal rechts, Stadion, links, Maschsee. Die Wade zwickt.

„Sch… drauf, dann zwickt es halt!“ denke ich mir.
„Who am I? – I’m a Champion!“

Die 3:30-Tempoläufer gehen gefühlt schnell an. Egal! Uwe, Bernd und ich gehen unser eigenes Tempo. Kay ist schon irgendwo in der Masse verschwunden. Dafür stößt Jens-Olaf auf dem Rudolf-von-Bennigsen-Ufer auf Höhe des NDR zu uns.

Bei ihm zwickt und zwackt genauso wie bei mir. Also nicht darüber reden – Weiterlaufen!

Am Aspria ist dann der erste Erfrischungspunkt. Weiter, immer weiter. Daniel Stendel – der Interimstrainer bei Hannover 96 – feuert dort die Läufer an.

Ab nach Döhren, durch die Kleingärten-Kolonie, an der Radrennbahn vorbei nach Wülfel.

Ab auf die Hildesheimer Straße und lange lange fünf-einhalb Kilometer gerade aus Richtung „Heimat“. Für mich ist das einer der schönste Streckenabschnitte.

An den Wülfeler Brauereigaststätten sind die ersten zehn Kilometer fast rum. Ein Viertel also.

Hier fühlt es sich wie Laufen an, das große Pulk hat sich etwas entzerrt, man läuft auf der gesperrten Straße (auf der „falschen“, auf der linken Straßenseite) und auf dem kompletten Streckenabschnitt stehen die Leute dicht an dich. Echt Wahnsinn!

An der Geibelstraße warten meine Frau und meine Schwester auf mich. Whoohoo! „Schön Euch zu sehen!“ – denke ich.

„…and I will draw strength from them!“

Jens-Olaf und Bernd sind genauso wie die 3:30-Tempoläufer verschwunden. Uwe marschiert eisern weiter. Ich bleibe an ihm dran.

Am Aegi geht es dann Richtung City. Oper, Kröpke, Hauptbahnhof. An der Musikhochschule vorbei durchs Zoo-Viertel wird es etwas ruhiger. Gut so. Ich bin ganz bei mir und meinem Lauf. Eine komische Art der Konzentration. Es läuft – wie von allein.

Irgendwo kurz nach dem Lister Turm und der Markuskirche ist die Hälfte geschafft: knapp 21 Kilometer. Mir geht’s gut. Die Stimmung an der Strecke ist in der List gewohnt gut.

Bernd taucht neben uns auf, um sich kurz darauf wieder zu verabschieden.

Wir machen einen kurzen Schlenker Richtung Hamburger Allee über die Celler Str. zur Edenstraße. Ab nach links in die Jacobistraße.

In der Waldstraße sind dann 25 Kilometer geschafft. Während ich denke „nur noch siebzehn…“ und noch gar nicht weiß, ob ich das gut oder schlecht finden soll, höre ich meinen Namen. Laut und deutlich!

Laut und deutlich: Dennis! Hey! Dennis!

Mein alter Fussball-Kumpel Mike und seine Freundin Isa sitzen auf ihrem Balkon und feuern mich an. Ich freue mich total und die nächsten zwei Kilometer vergehen vor Freude und im Kölnschnack mit Uwe darüber.

Wir sind auf dem Lister Kirchweg angekommen und über die Isernhägener und die Werderstraße geht es rechts auf die Vahrenwalder Straße.

Erneut geht es vier Kilometer schnurgerade aus. An der Büttnerstraße geht es nach links. 30 Kilometer sind geschafft.

30 Kilometer. Jetzt kann ich es sagen: In 2016 bin ich bisher nur ein einziges Mal mehr als 30 Kilometer am Stück gelaufen. Die berühmte und wirklich sehr sehr schöne Runde ums Steinhuder Meer. Alle anderen langen Läufe waren kürzer oder sind ausgefallen (dazu gern später mehr).

„I will define myself!“

„Nur noch zweimal um den Maschsee – zwölf Kilometer!“ – dachte ich. Kurzer Blick nach rechts. Uwe ist noch da und läuft und läuft und läuft. Ein Laufmaschine. Unglaublich. Klasse, der Typ!

So langsam nähern sich von hinten erneut bedrohlich die 3:30-Tempoläufer.

Es geht durch Hainholz und die Nordstadt. Ich leide. Die Wade macht mich wahnsinnig. Die Oberschenkel sind schwer. Die Sonne brennt. Aber ein Gedanke bleibt: „Who am I? – I’m a Champion!“

„Belief will change my world! It will carry me through this battle.“

Also weiter. Weidendamm, dann E-Damm, Lutherkirche. 33 Kilometer. „Nur noch neun!“ feuere ich mich an. Die Stimmung ist plötzlich noch einmal überragend an der Strecke.

Hannover lebt und ich auch.

Es geht dann scharf links auf die Nienburger Straße, Richtung Uni und Königsworther Platz. Die 3:30-Tempoläufer ziehen Meter für Meter von mir weg. Uwe gleich mit.

Ich bin so sehr mit mir und meinem Körper beschäftigt, jetzt helfen nur noch Cola, Energy-Gel-Chips und positive Stimmung. Noch sechs Kilometer.

Bevor ich zum schlimmsten Teil der Strecke komme – Was sind die Gel-Chips?

Der Hersteller schreibt folgendes auf seiner Webseite: „ultraPERFORM Gel-Chips sind kleine, weiche Energiebällchen, die ihre Energie sofort entladen können.

Gel-Chip in 2 Teile beißen. Den zerteilten Gel-Chip 3 bis 8 Minuten in den Wangentaschen zergehen lassen. Die enthaltene Glukose wird direkt über die Mundschleimhaut aufgenommen. Das unmittelbare Nachtrinken entfällt.“

Zugegeben: Ich schwöre auf die Dinger und komme super damit klar – normalerweise. Am Sonntag war mein Mund staubtrockener als britischer Humor. Den gibt es wenigstens mit feuchter Aussprache. Mich zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Zergehen wollte ich, aber nicht mein Gel-Chip. Egal, zurück auf die Strecke.

Um den Königsworther Platz herum. Die Strecke teilt sich. Die Halbmarathon-Läufer laufen nach links Richtung Calenberger Neustadt, City, Studentenverbindungen und geiler Stimmung. Die Marathonis laufen nach rechts auf die endlose – nur 2 Kilometer – Herrenhäuser Allee.

Dann durch den Georgengarten, am Wilhelm-Busch-Museum vorbei. Und hier steht – ja, ganz genau – keine Sau. Kaum ein Zuschauer verirrt sich hierher. Reihenweise geraten die Läufer aus dem Tritt. Erbrechen. Krämpfe. Ermüdung.

39 Kilometer sind rum – nur noch drei. Mein Körper schreit: „Bleib stehen!“ und „Warum machst Du diese Sch…?“

Mein Kopf antwortet mit dem Mantra: „Who am I? – I’m a Champion!“

„Defeat, retreat… Those are not in my words!“
„I unterstand victory and I understand never surrendering!“

Drei Kilometer. Fünfzehn Minuten Deines Lebens. Und ein bisschen. Das wäre doch gelacht. Egal wie schnell oder wie langsam – Du läufst weiter.

„Today will be that day! Right now, right here!“

Wilhelmshavener Straße. Die Stimmung wird besser. Bei den Zuschauern und bei mir. Über die Leine. Ab auf die Brühlstraße. Der letzte Kilometer. Ein Kilometer. Ich denke an die Leiden und das Ziel. Die Schilder am Straßenrand kündigen es an: noch 900 Meter bis zum Ziel, noch 750, noch 500, noch 400, noch 300, noch 200 – da sind meine Frau und meine Schwester wieder! Ich werfe Kusshände – noch 100.

Bildschirmfoto 2016-04-13 um 18.17.29

Ich bin im Ziel. Bei 3 Stunden 31 Minuten und 1 Sekunde stoppt die Uhr. Ein paar Meter weiter bekomme ich meine Medaille umgehängt. Ich bin wie in Trance. Mir ist heiß, mir ist kalt. Ich wanke.  Die Wade zieht. Die Zehen schmerzen. Es flimmert vor meinen Augen. „Schnell ein Energy-Gel“ denke ich. Dann zwei Becher Wasser. Mir geht es besser.

Geschafft! „Who am I? – I’m a Champion! – Who am I? – I’m a Champion! – Who am I? – I’m a Champion!!!“

Bildschirmfoto 2016-04-13 um 18.17.59

Ich möchte mich bedanken. Bei meiner Frau, die auf diesen bekloppten Sport und meine Trainings Rücksicht nimmt. Bei allen Leuten, die mich angefeuert haben, mich unterstützt haben, für mich geklatscht oder an mich gedacht haben. Dankeschön!

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